Cannstatter/Untertürkheimer Zeitung, 20.5.2015: Jungen talentierten Künstlern, die sich der klassischen Musik verschrieben haben, hat Cultur in Cannstatt mit seinen Sonntagskonzerten im Kursaal schon immer gerne eine Plattform geboten. Die Geschwister Marie-Luise und Christoph Dingler, die am Sonntag als Violinduo „The Twiolins“ mit ihrem Programm „Sunfire“ eingeladen waren, versprechen aber darüber hinaus, frischen Wind in den klassischen Konzertbetrieb insgesamt zu bringen. Vor sechs Jahren haben die jungen Mannheimer Geigenvirtuosen selbst einen internationalen Kompositionswettbewerb ausgeschrieben, der alle drei Jahre fortgesetzt werden soll. Zwölf von den rund 180 Beiträgen ihrer beiden ersten Crossover Wettbewerbe hatten die Twiolins mitgebracht. Sie begeisterten damit die Stuttgarter Zuhörer ebenso wie sie das in Mannheim geschafft hatten, denn Musikexperten hatten zwar mit ihnen die Vorauswahl getroffen, beim Finale des Wettbewerbs jedoch trugen die Dinglers die besten Kompositionen nur vor und das Publikum entschied alleine über die Siegerliste.

Mit leidenschaftlicher Präzision, spielerischer Phantasie, unverkrampfter Virtuosität und flexiblem Witz erweckten die Twiolins die Partituren der zwölf Fünf-Minutenstücke zu vielfältigem Leben. Da gab es keine Grenzen zwischen anbetungswürdiger E-Musik und leichtfüßigen U-Tonfolgen, alles war Vergnügen am Tongefüge dieser Welt – und des Universums. Schon die heftigen Eruptionen des Eingangsstückes „Sunfire“ (Franz Cibulka) durchstießen die Wohlgefälligkeit der sanften Grundmelodie mit kurzen heftigen Bogenstrichen. Ergebnis der ganz offenen Ausschreibung für ihre neuen Stücke für zwei Geigen waren zum Beispiel „Schienen-Kapriolen“ in der „ganz verrückten Komposition“ von Hans-Günther Allers, die eine Dampflok auf die Klangschienen setzte, aber auch poetisch schöne Melodien wie Johannes Söllers romantisch-nächtliche Laub- und Wolken-Impression. Doch gab es auch Dramatik beim amüsanten Hörbild eines Fliegenlebens von Judit Varga, das lebensecht summte und nervte, oder beim Kulturmix bei Sophie Popes Metamorphose eines Shakespeare-Sonnets zum Heavy-Metal Rap. Mit seiner „Autobahn“ hatte Benedikt Bryrdern den ersten Wettbewerb gewonnen und den Twiolins danach die Weltraumphantasie „Gemini“ gewidmet. Diesen akustischen Ausflug zu den Sternbildern inszenierte das Künstlerpaar in ebenso traumwandlerischer Harmonie wie die virtuose Artistik der „Jongleure“ von Ewelina Nowicka.

Dann waren da noch die Echoklänge exotischer Ausgelassenheit im „Orientexpress“ von Tonio Geugelin oder das bunt bewegte Leben bei Sebastian Syllas indischem “Maha Nada”. Schließlich animierte Christoph Dingler das Publikum sogar, den Samba-Rhythmus mitzuklatschen bei Aleksey Igudesmans „Peesh moosh“, damit es die arglose Freude spüren konnte, mit der es die Dinglers unternommen haben, ihren Grundsatz der progressiven Klassik zu spielerischer Vollkommenheit zu erweitern.

Von Rolf Wenzel

Mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors und des Herausgebers. Weitere Informationen auf www.cannstatter-zeitung.de

Close
Go top