Usinger Anzeiger, 24.7.2016: Schon der Einstieg „Metamorphosis“ des Komponisten Alexander Gonobolin (Ukraine), den die Geschwister Marie-Luise und Christoph Dingler auf ihren Violinen spielten, war bombastisch und wurde von den rund 50 Hauskonzert-Gästen von Esther und Ralf Groh in Schmitten-Oberreifenberg mit tosendem Applaus honoriert. Um eines vorweg zu nehmen, wir wissen nicht, wie das Gastgeberpaar Groh es schafft, solch fantastische Musikkünstler zu engagieren, vielleicht bleibt es auch ihr Geheimnis – wie das Programm-Motto „Geheime Plätze“, unter dem das Duo „The Twiolins“ spielte. Wohlgemerkt, nicht vor mehreren Hundert Besuchern in einer Arena, sondern in einem Wohnzimmer!

Diese kamen in den außergewöhnlichen Genuss, in andere Musikdimensionen einzutauchen. Wie im Stück „Carpathian“ des polnischen Komponisten Dawid Lubowicz, dem es hervorragend gelang, die Mentalität seiner Landsleute musikalisch einzufangen. Beginnend mit zart fallenden Regentropfen zupfte das Duo seine Saiten, bis der Wind melodisch über die Felder wehte. Mit steigender Intensität hatte man den Eindruck, als würden polnische Landarbeiter auf den Wiesen tanzen, immer schneller im Kreise drehend, bis sie erschöpft ins Gras fallen. Ein anderer Zuhörer mag vielleicht etwas ganz anderes gefühlt oder gedacht haben, aber das ist das Schöne an der Musik: Jeder fühlt anders, sie regt zum Träumen an. Und das ist dem Duo in wirklich perfekter Weise gelungen. Um noch tiefer die Fantasie zu wecken, bat das Duo die Besucher, die Augen zu schließen, sich ganz der Musik hinzugeben. War es anfangs eine knarrende Tür, die sich öffnete? Oder erinnerten sich die Komponisten Benjamin Heim (USA) und Johannes Meyerhöfer (Deutschland) in „Trance“ vielleicht daran, die Tonleiter hoch und runter geübt zu haben? Falls ja, ist ihnen ein richtig gutes Stück mit virtuosen Teilen gelungen, als hätten sie unendlich viele Melodien in eines gefasst. Einfach zum Träumen schön. Der große Sprung nach Indien mit „Maha Nada“ mit seinen anderen Tonleitern, die in diesem Land nur für bestimmte Anlässe und Uhrzeiten gespielt werden, gelang dem Geschwisterpaar ebenso großartig wie das temperamentvolle „Balkanoid“ aus Ungarn. Mit neuen Dimensionen erklangen die Violinen auch im „Rock you versus Ballerina“ von Jens Hubert aus Deutschland. Erst rockig, dann weich und fließend, anmutig wie eine Ballerina, die dann doch ins „andere Lager“ flüchtet und drei Gänge hochschaltet.

„Das ist das Beste, was ich bisher erlebt habe“, wirkte Besucher Frank Warlich wie fast noch in Trance. Aber woher kommen die neuen Töne, ja, man darf schon sagen, neue Spielart? Im Brunhildensteg 30, in Esther und Ralf Grohs Wohnzimmer, durften die Gäste erleben, dass man mit einer Geige sogar „angreifen“ kann. Judit Varga (Ungarn) hat sich ausgedacht, wie das so ist, wenn eine Fliege beim Musizieren stört. Mit extrem witzigem Augen- und Bogenspiel empfanden Marie-Luise und Christoph das nervige Summen der Fliege nach. Erschlägt sie ihn jetzt gleich mit dem Bogen? Nein, er erwischt sie – aber erst am Ende des Stücks…

Wie kommt man auf solche Liedkompositionen? Die Twiolins riefen einen Wettbewerb ins Leben, den „Crossover Composition Award“, um das Repertoire für zwei Violinen zu vergrößern und weiterzuentwickeln. Komponisten aus aller Welt treten alle drei Jahre gegeneinander an und müssen die härteste Jury, das Publikum, für sich gewinnen. Bisher nahmen über 500 Komponisten aus 55 Nationen teil, um ihre Hits zu präsentieren. 2012 wurden die Twiolins dafür mit dem Helene-Hecht-Preis ausgezeichnet. Die Preisträgerwerke aus dem Jahr 2015 wurden im Programm „Secrect Places“ präsentiert; wie Benedikt Brydern (USA), der beide Male den ersten Preis gewann. Er schrieb den Hit mit dem Ritt zu „Schillers Nachtflug“, den die Twiolins mit viel Liebe zum Detail in Szene setzten. Gänsehaut pur. Das erlesene Programm mit seinen betörenden Melodien und Überraschungen beflügelte auch Esther Groh zu Höhenflügen. „Ich bin hin und weg von eurer Musik“, bedankte sie sich.

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